Den Kometen ‹Tschuri› beschnuppert

Astrophysikerin Altwegg hat Forschungsprojekt erfolgreich in Teilzeit geleitet

Alle sechseinhalb Jahre kommt Komet ‹Tschuri› (kurz für: Tschurjumow-Gerassimenko) auf seiner Umlaufbahn in die Nähe der Sonne. Als dies 2015 letztmals der Fall war, wurde der nur wenige Kubikkilometer grosse Eis-Staub-Klumpen von der Raumsonde ROSETTA aus nächster Nähe beobachtet. Eine wichtige Rolle bei der spektakulären Raumfahrtmission spielte Kathrin Altwegg. Für die Astrophysikerin der Universität Bern ist die Mission auch heute noch nicht beendet.

Prof. Kathrin Altwegg bejubelt gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten und Förderer Prof. Hans Balsiger den Moment, als im Jahr 2014 die Raumsonde ROSETTA auf ihrer Reise zum Kometen ‹Tschuri› erfolgreich aus einem dreijährigem ‹Winterschlaf› (Flug im Energiesparmodus) aufgeweckt wird.
Bild: Universität Bern

Wir haben Mai 2021. Auf der Erde herrscht Corona-Pandemie. Die Menschen sitzen zuhause. Der Mars, unser Nachbarplanet, verzeichnet derweil regen Besuchsverkehr. Gleich zwei Abgesandte der Erde sind zu Gast: Die Amerikaner haben den Rover ‹Perseverance› auf der Marsoberfläche gelandet, nehmen Gesteinsproben und lassen einen Helikopter in der dünnen Marsatmosphäre rotieren. Die Chinesen schauen ebenfalls auf dem Roten Planeten vorbei, mit dem Rover Zhurong. Nach der ersten erfolgreichen chinesischen Marslandung überhaupt soll er hier oben in den nächsten drei Monaten eine Reihe von Experimenten durchführen.

Kathrin Altwegg sitzt in einem Mansardenzimmer in Kehrsatz bei Bern und fühlt sich von den beiden Marsmissionen an ihren eigenen Weltraum-Trip erinnert. Die heute 69jährige Solothurnerin war nicht selber da draussen im kalten Nichts. Unterwegs war die Raumsonde ROSETTA, zu der sie gemeinsam mit einem Team der Universität Bern massgeblich beigetragen hat. Die Astrophysikerin kann nachfühlen, was es heisst, ein Experiment zu bauen, das dann Monate oder Jahre zu einem anderen Himmelskörper unterwegs ist, immer im Wissen, dass ein einziger Fehler die Mission zunichte machen kann. 2014 war die ROSETTA-Sonde nach zehnjähriger Reise beim Kometen Tschuri eingetroffen und näherte sich diesem in den kommenden zwei Jahren bis auf zwei Kilometer, um unter anderem seine gasförmigen Ausdünstungen zu messen. «Unser Instrument, ROSINA, soviel darf man wohl sagen, war das erfolgreichste Experimnent dieser Raumfahrt-Mission», erinnert sich Kathrin Altwegg.

Die Frage nach dem Ursprung des Lebens

ROSINA ist eines von gut zehn Messinstrumenten, das die ROSETTA-Sonde auf der Reise zu ‹Tschuri› mit dabei hatte. Das 31 kg schwere Modul bestand bestand aus zwei Spektrometern und einem Drucksensor. Kathrin Altwegg hat dessen Konstruktion ab 1996 gemanagt und das ROSINA-Projekt während des zehnjährigen Hinflugs (2004 bis 2014) und der eigentlichen Mission (2014 bis 2016) geleitet. Massenspektrometer wurden genutzt, das Gewicht der Moleküle zu bestimmen, welche Tschuri unter der Einstrahlung der Sonne ausdampft. Das Experiment hat in der Koma – der sonnenzugewandten Atmosphäre des Kometen – zwei Millionen Massenspektren aufgezeichnet. Die Messungen waren so ergiebig, dass die Auswertungen auch fünf Jahre nach Ende der ROSETTA-Mission andauern. Kathrin Altwegg arbeitet praktisch täglich mit, obwohl sie seit Jahren emeritiert ist.

Die Analyse der Massenspektren ist eine akribische Tätigkeit, die trotz Computerunterstützung reichlich Handarbeit erfordert. In jahrelanger Detailarbeit konnte Altweggs Team in ‹Tschuris› Ausgasungen eine Reihe von präbiotischen Molekülen wie beispielsweise Phosphormonoxid oder Ammoniumsalz nachweisen, alles Vorläufer von Biomolekülen. «Lange wurde vermutet, die präbiotischen Moleküle seien bei der Geburt des Sonnensystems entstanden», erläutert Kathrin Altwegg. «Die Ergebnisse der ROSETTA-Mission liefern – gemeinsam mit weiteren Erkenntnissen aus der astronomischen Forschung – starke Hinweise, dass dies nicht zutrifft. Diese Moleküle scheinen tatsächlich älter zu sein als unser Sonnensystem. So gehen wir heute davon aus, dass die Entstehung von Leben auf der Erde nicht allein mit irdischem Material zustande kam, sondern dass dafür auch Moleküle nötig waren, die mit Kometen auf die Erde gelangt sein könnten. Das Material von ‹Tschuri› in Form von Staub und Eis stammt nämlich aus der Zeit vor der Entstehung des Sonnensystems. Als Kleinkörper gewachsen ist er dann im solaren Nebel, wie die Planeten und die Sonne auch.» Eine faszinierende These, wie die Berner Astrophysikerin betont: «Was auf der Erde gelang, könnte anderswo im Weltraum auf gleiche Weise gelungen sein.»

Mit Unterstützung des Chefs

Kathrin Altwegg, Tochter einer Landärztin und eines Landarztes, hat der Erforschung von Kometen ihr ganzes Wissenschaftlerinnen-Leben gewidmet, seit sie nach einem Postdoc-Aufenthalt in New York 1982 an die Universität Bern wechselte. In Prof. Hans Balsiger hatte sie später einen Förderer, der sie nicht fallenliess, als sie 1985 und 1987 ihr beiden Töchter zur Welt brachte und als zweifache Mutter für die Habilitationsschrift dann länger brauchte als die offiziell vorgesehenen sechs Jahre. Balsiger war es auch, der Kathrin Altwegg durchsetzte, als die ROSINA-Geldgeber von Bund und Industrie geltend machten, dieses 60-Millionen-Franken-Projekt könne nicht von einer Frau in Teilzeit geleitet werden. Am Ende hat die Forscherin das Projekt auf einer 75 %-Stelle mit ihrem zwölfköpfigen Team erfolgreich umgesetzt. «Bei mir hat das Teilzeit-Modell geklappt, weil mein Chef mich unterstützt hat», sagt Altwegg und leitet daraus eine Reform der akademischen Gepflogenheiten ab: «Wir sollten darauf hinwirken, dass Frauen auch als ordentliche Professorinnen in Teilzeit arbeiten können.»

Kathrin Altwegg war die einzige Frau, als sie 1970 das Physikstudium an der Universität Basel begann. Sie erinnert sich an einen Professor, der glaubte, sie im Umgang mit einem Lötkolben anleiten zu müssen, und an einen anderen, der ihr riet, lieber in der EPA Strümpfe zu verkaufen. Sie liess sich von solchem Spitzen nicht beirren, auch viel später nicht, als sie im internationalen ROSETTA-Projekt mit Machogehabe und Neid konfrontiert war. «Iris Zschokke, bei der ich 1980 an der Uni Basel promoviert habe, machte keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen, und diese Selbstverständlichkeit finde ich auch gut. Aber es gibt eben auch Frauen, die von Partnern und Freunden gebremst werden, und da ist es schon wichtig, dagegen zu halten und die Nachwuchswissenschaftlerinnen in ihrem Weg zu bestärken.»

Erfolgreich in der Mitte der akademischen Leiter

Kathrin Altwegg kann bemerkenswerte wissenschaftliche Erfolge vorweisen. Strikte Karriereplanung ist ihr jedoch fremd. Sie rät, Zickzack-Linien im Leben zuzulassen. Wenn man die assoziierte Professorin nach der Bedeutung ihres akademischen Titels fragt, macht sie einen verschmitzten Vergleich: «Es ist wie im Militär: die guten Korporäle werden Wachtmeister». Als assoziierte Professorin habe sie zum höheren akademischen Mittelbau gehört, sei also nicht eigentlich Professorin gewesen. Bleibt anzumerken, dass die Wissenschaftlerin auf diesen Karriereschritt bewusst verzichtet hat: Als Hans Balsiger 2003 in den Ruhestand ging, wurde ihr seine Nachfolge angeboten. Sie lehnte ab. Sie habe sich damals für die Forschung und gegen die administrative Mehrbelastung entschieden, sagt sie. Auch habe sie aus familiären Gründen keine Vollzeitstelle gewollt.

Kathrin Altwegg ist seit einigen Monaten Grossmutter. Ihre Töchter – Materialwissenschaftlerin und Mathematikerin – sind bei einem Industriebetrieb bzw. einem Versicherungsunternehmen tätig. Beide würden von ihren Firmen aktiv gefördert, berichtet Altwegg. Mit MBA-Weiterbildung beispielsweise, oder der Aufnahme in die Geschäftsleitung. Als Kathrin Altwegg in den frühen 1980er Jahren selber als wissenschaftlich erfahrene Physikerin aus den USA in die Schweiz zurückkehrte, hatte sie selber mit einer Industriekarriere geliebäugelt, fand sich aber vor verschlossenen Türen – und fand so den Weg an die Universität. «Heute ist das anders», sagt Kathrin Altwegg, «die Wirtschaft ist den Universitäten voraus. Frauen werden auch in Teilzeit gefördert, während die Unis bei den Professuren immer noch auf Vollzeitstellen ausgerichtet sind.»

Autor: Benedikt Vogel

Porträt #4 von Wissenschaftlerinnen im MAP-Bereich (2021)

  • Prof. Kathrin Altwegg bejubelt gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten und Förderer Prof. Hans Balsiger den Moment, als im Jahr 2014 die Raumsonde ROSETTA auf ihrer Reise zum Kometen ‹Tschuri› erfolgreich aus einem dreijährigem ‹Winterschlaf› (Flug im Energiesparmodus) aufgeweckt wird.
  • Kathrin Altwegg hat die ROSETTA-Mission der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) von 1996 bis 2016 begleitet, indem sie das ROSINA-Experiment auf der ROSETTA-Sonde wissenschaftlich leitete. Später war sie an der Universität Bern die erste Direktorin des Center for Space and Habitability (CSH).
  • Die Forschung von Kathrin Altwegg stösst auch beim Bundesrat auf reges Interesse.
  • Kathrin Altwegg hat sich immer wieder der Förderung des – insbesondere auch weiblichen – akademischen Nachwuchses – gewidmet: Sie vermittelte Kindergartenkindern technische Arbeitsweisen wie Löten, beriet Gymnasiastinnen am Info-Tag der Universität Bern, diskutierte vor 3000 Lehrkräften im Bieler Fussballstadion über Frauenförderung. Bild: Preisverleihung des Raketenbauwettbewerbs der Berner Schulen anlässlich des 175-Jahr-Jubiläums der Universität Bern.
  • Prof. Kathrin Altwegg bejubelt gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten und Förderer Prof. Hans Balsiger den Moment, als im Jahr 2014 die Raumsonde ROSETTA auf ihrer Reise zum Kometen ‹Tschuri› erfolgreich aus einem dreijährigem ‹Winterschlaf› (Flug im Energiesparmodus) aufgeweckt wird.Bild: Universität Bern1/4
  • Kathrin Altwegg hat die ROSETTA-Mission der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) von 1996 bis 2016 begleitet, indem sie das ROSINA-Experiment auf der ROSETTA-Sonde wissenschaftlich leitete. Später war sie an der Universität Bern die erste Direktorin des Center for Space and Habitability (CSH).Bild: ESA2/4
  • Die Forschung von Kathrin Altwegg stösst auch beim Bundesrat auf reges Interesse.Bild: Universität Bern3/4
  • Kathrin Altwegg hat sich immer wieder der Förderung des – insbesondere auch weiblichen – akademischen Nachwuchses – gewidmet: Sie vermittelte Kindergartenkindern technische Arbeitsweisen wie Löten, beriet Gymnasiastinnen am Info-Tag der Universität Bern, diskutierte vor 3000 Lehrkräften im Bieler Fussballstadion über Frauenförderung. Bild: Preisverleihung des Raketenbauwettbewerbs der Berner Schulen anlässlich des 175-Jahr-Jubiläums der Universität Bern.Bild: Universität Bern4/4
Kathrin Altwegg: Ein Himmelsgeschenk

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